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Leserbrief in der
Süddeutschen Zeitung
Autor: Richter am Landgericht Stuttgart 1973 bis 2004

10.
JOURNALISTINNENPREIS
3. Preis: Christiane Kohl
"Eingeholt vom Schrecken"
Als 16-Jährige wurde Manuela in einem Leipziger Bordell
gefangengehalten.
15 Jahre später soll sie Licht in dunkle Affären
bringen.
Christiane Kohl
Auf dem Zettel, der hier auf dem Küchentisch liegt,
scheint die Szene in wenigen Strichen lebendig zu werden.
Dort auf der Sofalehne habe ich gesessen,
sagt Manuela, während sie mit dem Kugelschreiber an
ihrer Skizze zeichnet: Wir waren fünf Mädchen,
alle völlig nackt. Schräg gegenüber habe der
Ingo in einem schwarzen Ledersessel Platz genommen;
Manuela markiert seinen Standort mit einem kleinen
Halbkreis. Er sei leger, aber gut bürgerlich gekleidet
gewesen, im hellbeigefarbenen Jackett. Außer ihm sah
Manuela an diesem Tag noch vier andere fremde Herren im
Raum allesamt Westdeutsche, das spürte man
sofort. Micha, der Zuhälter, hatte die Besucher
als Geschäftsfreunde aus Hamburg
vorgestellt. Die jungen Mädchen, die in dem
heruntergekommenen Gründerzeithaus am Leipziger
Stadtrand festgehalten wurden, sollten den Herren einen
netten Abend bereiten.
Manuela erinnert sich, dass aus dem Kassettenrekorder
gerade Tina Turner ihren Erfolgssong We dont
need another hero krächzte, als der Mann im
schwarzen Ledersessel sie zu sich hinüberwinkte. Kurz
darauf sei Ingo mit ihr ins Schlafzimmer gegangen. Das
geschah mehrmals an diesem Abend. Später sei der Herr,
der bereits ergraut war, noch öfter zu der damals
16-Jährigen gekommen.
Während des Geschlechtsverkehrs, berichtet Manuela, habe
sie im Stillen immer von 1 bis 17 gezählt. So viele
Holzstreben hatte der dekorative Fächer, der an der Wand
über dem Bett hing. Es war Manuelas Methode, sich über
die Erlebnisse zu retten, die sie im Schlafzimmer der
Leipziger Zwei-Raum-Wohnung erleiden musste. Wie viele
Männer ihr dort zusetzten, weiß sie nicht mehr
doch an einige ihrer Gesichter meint sich Manuela noch zu
erinnern.
Heute sitzt die mittlerweile 31-Jährige an dem langen,
hölzernen Küchentisch eines hübsch restaurierten
Weinbauernhäuschens in Westdeutschland. An den Wänden
hängen Fotos mit strahlenden Kindergesichtern, auf der
Anrichte steht ein aus Schiefer gemeißeltes Herz.
Manuela ist mit einem Handwerker verheiratet und hat zwei
Söhne. Draußen vor der Küchentür streicht die
Frühlingssonne über die ersten Knospen des Rosenbogens.
Leipzig scheint weit weg zu sein, die Ereignisse liegen
15 Jahre zurück. Drinnen am Küchentisch aber sitzt
zitternd eine hübsche junge Frau, während sie über
jene Monate im Winter 1992/93 erzählt, als sie zusammen
mit einer Handvoll anderer Mädchen in einem illegalen
Bordell an der Merseburger Straße in Leipzig zur
Prostitution gezwungen wurde: Es war eine immer
wiederkehrende Vergewaltigung, sagt sie.
Den Horrortrip aus ihrer Mädchenzeit hatte Manuela
jahrelang gut abgekapselt hinter fröhlichen
Gardinenstoffen und bunt verputzten Wänden. Jetzt ist
plötzlich alles wieder gegenwärtig. Das hat mit den
Skandalmeldungen über Leipziger Immobilien-Manager,
Justizbedienstete und Polizeibeamte zu tun, die unter dem
Stichwort Sachsensumpf bekannt wurden.
Ausgelöst durch eine Datensammlung des sächsischen
Verfassungsschutzes, werden im Freistaat seit einigen
Monaten längst abgeschlossen geglaubte Ermittlungen
wieder überprüft: Da geht es um fragwürdige
Gerichtsurteile und mögliche Erpressbarkeiten unter
Richtern und Staatsanwälten, um Unregelmäßigkeiten bei
Leipziger Häusergeschäften und vielleicht auch um
anstößige Sexgeschichten mit Minderjährigen.
Über das Ausmaß des Skandals ist ein unerbittlicher
Streit in Sachsen ausgebrochen, nicht nur unter
Politikern, Ermittlern und Justizangestellten, auch
zwischen Journalisten. Während die einen alles für
heiße Luft erklären, meinen andere, einen
Abgrund an Fehlentwicklungen zu entdecken. Beteiligte
überziehen sich gegenseitig mit Straf- und
Verleumdungsanzeigen, Staatsbedienstete wurden
vorübergehend vom Dienst suspendiert oder mit
Disziplinarverfahren belegt. Insgesamt mehr als 30
Ermittlungs- und Prüfverfahren hat die
Staatsanwaltschaft schon eröffnet. Freilich ist auch sie
nicht von Kritik verschont: Zeugen klagen über rüde
Verhörmethoden, Anwälte werfen den Ermittlern vor, sie
würden Willkür bei der Akteneinsicht walten lassen und
manchen Beschuldigten großzügig Einblick gewähren,
anderen hingegen weniger. Das ist, sagt ein
sächsischer Jurist wie ein Stück aus dem
Tollhaus.
Auch Manuela ist in den letzten Wochen zweimal schon
stundenlang von den Staatsanwälten vernommen worden,
stets ging es um die Frage, wer der Freier namens Ingo
gewesen sein könnte: ein städtischer Immobilien-Manager
in Leipzig, ein ehemaliger Richter am Landgericht der
Messestadt oder vielleicht doch nur ein unbekannter
Geschäftsmann aus Hamburg?
Wenn Manuela in ihrem Gedächtnis kramt, fallen ihr ein
paar Details ein, die sie mit Ingo verbindet
zum Beispiel ein schwarzer Ledergürtel, das
Leder war wülstig wattiert mit auffälliger
Silberschnalle. Auch eine Brille ist ihr
gegenwärtig, mit sehr feinem Rahmen, so etwas
kannten wir damals im Osten nicht. Und sie meint
auch einen markanten Herrenduft zu erinnern Ich
glaube, ich würde ihn am Geruch erkennen,
behauptet Manuela.
Eine andere junge Frau, die in den letzten Wochen
vernommen wurde, machte ähnlich belastende Aussagen.
Doch wie verlässlich sind Erinnerungen? Kann das Gehirn
nicht zuweilen der Psyche ein Schnippchen schlagen oder
die Psyche dem Gehirn?
Die Ereignisse in der Merseburger Straße haben tiefe
Verletzungen bei Manuela hinterlassen. Zusammen mit einer
Freundin landete sie im Herbst 1992 in dem Etablissement.
Die beiden Leipziger Mädchen, 13 und 16 Jahre alt, waren
aus Angst vor ihren Stiefvätern von zu Hause ausgerissen
und hatten nach einer Schlafmöglichkeit gesucht.
Mit Alkohol oder KO-Tropfen außer Gefecht gesetzt,
strandeten sie nachts in der Merseburger Straße. Am
Morgen versuchte Manuela die Wohnung zu verlassen, doch
Micha, der Zuhälter, habe sie brutal geschlagen
und kurz darauf zum ersten Mal vergewaltigt, berichtet
sie. Später sei sie immer mal wieder mit Schlagstock,
Peitsche und Elektroschocks traktiert worden, nach einem
vergeblichen Fluchtversuch habe der Zuhälter ihr ganze
Haarbüschel ausgerissen. Ich musste ihm sogar die
Schuhe ablecken, erzählt Manuela.
Mittels Anzeigen in Bild wurden die Freier rekrutiert:
Jasmin, süßer Stundenservice, lautete der
Hinweis auf die minderjährigen Mädchen. Die
Kundschaft war zum Teil sehr zahlungskräftig, gab
der Zuhälter Micha später zu Protokoll. Auch die
Mädchen erinnerten sich im Polizeiverhör an Nadelstreifenhosen,
Aktenkofferträger, Schlipstypen.
Der Zuhälter hatte vorgesorgt und einen Ordnungshüter
in die Geschäfte mit einbezogen. Der führte dem
Etablissement eine 15-jährige Ausreißerin zu, mit der
er zuvor im Polizeigewahrsam intim geworden war. Raue
Sitten, doch im Prozess, der im Januar 1994 stattfand,
gab es milde Strafen: Der Polizist bekam eine
Bewährungsstrafe, der Zuhälter erhielt vier Jahre,
obwohl man ihm in einem Fall sogar Menschenhandel
nachweisen konnte. Noch besser erging es den Freiern
sie wurden gar nicht erst ermittelt.
Doch der Fall kam nicht zur Ruhe, immer wieder tauchten
Querverbindungen zu anderen Leipziger Affären auf. Da
war das beinahe tödliche Attentat auf einen Manager der
städtischen Wohnungsgesellschaft LWB im Oktober 1994,
das auf ungewöhnliche Weise gesühnt wurde: Drei
Tatverdächtige wurden 1996 wegen versuchten
Auftragsmordes zu Lebenslang verurteilt; zwei
Immobilienhändler, die später als Auftraggeber
angeklagt wurden, aber kamen mit geringfügigen
Geldbußen davon.
Der Prozess gegen sie war 2003 nach einer Kette von
Verfahrensfehlern geplatzt: Spurenakten fehlten,
Sachstandsberichte wurden in geheimen Beiakten verwahrt
wo verblieben die Unterlagen?, heißt
es in einem kürzlich fertiggestellten, vertraulichen
Prüfbericht des sächsischen Innenministeriums, in dem
die völlig unverständliche Art der Aktenführung
gerügt wird.
Jahrelang hatte man die Ermittlungen nur gegen
Unbekannt geführt, obgleich die Immobilienhändler
gerichtsbekannt waren. Unterdessen wurden zwei Leipziger
Polizisten kaltgestellt, die sich im Sommer 2000 auf die
Spur der Freier des in Leipzig sogenannten Kinderbordells
gemacht hatten. Auf Fotos, die sie Manuela und den
anderen Mädchen vorlegten, meinten diese den LWB-Manager
und die beiden Immobilienhändler wiederzuerkennen.
Hello, are you there?, haucht eine katzenhaft
samtig klingende Frauenstimme in den Raum es ist
das Handy des Amtsgerichtspräsidenten, das sich meldet.
Der Mann sitzt im eleganten Karojackett an seinem
Schreibtisch hoch über der Innenstadt von Chemnitz, am
Finger trägt er einen stattlichen Brillantring. Einst
war er als Leipziger Staatsanwalt federführend für die
Ermittlungen gegen die Immobilienhändler gewesen. Dass
dabei, wie die Prüfer vom Innenministerium heute
feststellen, etwas schiefgegangen sein könnte, weist er
von sich. Selbstverständlich, sagt der
Gerichtspräsident, habe er die Dinge auch nie in
eine Richtung gelenkt.
In mehreren Ermittlungsverfahren zählt der Jurist
derzeit zu den Beschuldigten, überdies läuft ein
Disziplinarverfahren gegen ihn und Manuela und
eine andere junge Frau wollen ihn sogar in der
Merseburger Straße gesehen haben. Doch der Beamte
bestreitet dies entschieden und hält die Vorwürfe für
eine Lügengeschichte und Intrige. Immerhin
kann er sich über mangelnde Akteneinsicht nicht
beklagen: Ich bin bestens auf dem Laufenden,
sagt er.
Während andere Beschuldigte Mühe haben, auch nur Kopien
einzelner Ermittlungsblätter zu bekommen, durfte der
Sohn des Juristen, der ihn anwaltlich vertritt, ganze
Originalakten der Staatsanwaltschaft tagelang ausleihen.
Dabei gilt das Verfahren als so brisant, dass nicht
einmal die Abgeordneten im parlamentarischen
Untersuchungsausschuss zum so genannten Sachsensumpf
Auskunft erhalten.
Wie die Zinnsoldaten waren die Juristen aus dem Westen
Anfang der neunziger Jahre in die ostdeutschen Amtsstuben
eingerückt. Viele kamen, um selbstlos zu helfen, andere
erhofften sich neue Aufstiegschancen, die ihnen bislang
so nicht geboten wurden. Manchen gelang eine steile
Karriere im Osten, wie sich in den juristischen
Jahrbüchern verfolgen lässt, wo die Berufswege von
Richtern und Staatsanwälten festgehalten sind. Und
zuweilen wanderten offenbar sogar die Fälle mit.
Als im Fall der drei wegen versuchten Auftragsmordes
Verurteilten ein Verteidiger Jahre nach dem Prozess
verlangte, das Verfahren wieder aufzurollen, landete der
Antrag just in der neuen Strafkammer desjenigen Richters,
der die Männer einst verurteilt hatte der Antrag
wurde im Frühjahr 2002 abgelehnt. Auch dem
Oberstaatsanwalt in Dresden, dessen Ermittlungen heute
Licht ins Dunkel bringen sollen, dürften die alten
Geschichten nicht völlig fremd sein. Er war in eins der
Verfahren gegen die kaltgestellten Polizisten
eingebunden.
Mangels Wohnungen hatten viele Wessis anfangs noch in
möblierten Zimmern genächtigt, abends saßen sie beim
Bier zusammen. Es war eine Stimmung wie in der
Studentenzeit, sagt der ehemalige Richter, der den
Prozess über das so genannte Kinderbordell führte. Auch
im Gericht sei vieles anders gewesen: Wir hatten
wahnsinnig viele Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch,
anscheinend waren diese Dinge zu DDR-Zeiten
totgeschwiegen worden.
Im Prozess über das Etablissement in der Merseburger
Straße einigte sich der Richter 1994 mit den Vertretern
von Anklage und Verteidigung auf ein mildes Strafmaß,
weil er den Kindern eine traumatisierende Befragung
in Gegenwart des Täters ersparen wollte, wie er
heute erklärt. Mindestens zwei der Mädchen aber wurden
doch eingehend befragt, eine davon war Manuela.
Auf dem Küchentisch malt sie jetzt eine neue Skizze. Da
sitzt sie einsam auf dem Zeugenstuhl, gegenüber auf dem
Richterpodium, wo der Vorsitzende seinen Platz hatte,
zeichnet sie einen dicken blauen Kreis: Da saß
Ingo! Sie sei völlig irritiert gewesen, als sie im
Gerichtssaal ihren einstigen Peiniger wiedererkannt habe,
erklärt Manuela. Der frühere Richter weist ihre
Behauptungen entschieden zurück: Ich bin niemals
im Bordell Jasmin gewesen, weder privat noch beruflich.
Im Gerichtssaal war auch Manuelas späterer Ehemann
zugegen. Sie hat gezittert und geweint,
erinnert er sich, von dem Richter hat sie mir
damals nichts gesagt. Erst 1999 will Manuela sich
einem Psychologen offenbart haben, der sie wegen
Essstörungen und anderer Probleme behandelte. Der
Therapeut hat die Gespräche dokumentiert, mag sein, dass
er das Rätsel lösen könnte. Doch die Staatsanwälte
haben ihn nicht zur Vernehmung vorgeladen, sie wollen das
Verfahren jetzt schnell beenden.
Durchs Küchenfenster im Winzerhäuschen blinzelt die
Sonne. Manuela hat ein kostbar gebundenes Buch
hervorgezogen, darin sind ihre selbstverfassten Gedichte:
Bitte höre, was ich nicht sage, steht da in
schön ziselierter Handschrift. Jahrelang litt die junge
Frau unter nächtlichen Albträumen, sie lebte in Angst,
vor allem seit den Vernehmungen durch die beiden
Polizisten im Jahr 2000. Damals habe ich auf einem
der Fotos den Richter erkannt, sagt sie, daraufhin
seien die Polizisten total erschrocken
gewesen.
In den heute verfügbaren Akten aber findet sich davon
keine Spur: Dem Vernehmungsprotokoll zufolge hatte
Manuela vielmehr den LWB-Manager als Ingo
identifiziert. Ob die Akten korrekt sind, auch das ist
nicht gewiss. Einer der Polizisten will heute nicht
ausschließen, dass Manuela seinerzeit mehr Bilder
vorgelegt wurden, als dokumentiert ist.
Klar scheint nur zu sein, dass Ingo keine
nachträglich erfundene Phantasiefigur ist: Nach einem
Zeitungsbericht von 1993 soll er ein Wessi gewesen sein
mit ganz ausgefallenen Wünschen.
Christiane Kohl, "Eingeholt vom alten
Schrecken", Süddeutsche Zeitung, 2.4.2008
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